Von »DIE ZEITEN AUS WOLLE« zu »DAS NARRENHAUS«

Ein Abriß der literarisch-geistigen Situation in Serbien in der Zeit nach Tito, verfaßt in Form eines Briefes an LOG-Redakteur Lev Detela

Teil I

von MILAN NESIC Jugoslawien

Peter Handke fordert in seiner problematlschen, von vielen maßgeblichen europäischen Intellektuellen kritisierten Schrift die Gerechtigkeit für Serbien. Der kritische serbische Intellektuelle und Schriftsteller Milan Nešiæ analysiert die aktuelle kulturelle Lage in Jugoslawien im speziell für unsere Zeitschrift geschriebenen Aufsatz aus der Sicht des in Belgrad lebenden und arbeitenden Autors. Der Beitrag von M. Nešiæ erschien in serbischer Sprache in der Zeitung MOJA SRBIJA, Nr. 17-18. Belgrad 1995.

(Wie in der "Zeitschrift für internationale Literatur LOG" veröffentlicht wurde, No 69/95, 71/96, 73/96, Teil III übersetzt und leicht gekürzt von Lev Detela)

Belgrad, am 10. December 1994.

Sehr geehrter Herr Detela!

Lange habe ich über Ihr freundliches Angebot nachgedacht, für Ihre Zeitschrift einen Abriß unserer gesamten kulturellen Situation niederzuschreiben und darüber zu berichten, was es Neues bei uns in der Literatur gibt. Es freut mich sehr, daß Sie meine Erzählung DER DICHTER UND SEINE FRAU als ein interessantes und noch immer aktuelles Dokument erkannt haben, sowie den Umstand, daß diese Erzählung von einer unabhängigen Feder verfaßt wurde. Darin liegen aber auch die Schwierigkeiten. Am Literaturleben nehme ich auch heutzutage fast nicht teil selbst die Tagesnachrichten verfolge ich nicht regelmäßig. Wenn ein Problem einer Erzählung mich dazu veranlaßt, lese ich Tageszeitungen nachträglich, erst dann studiere ich auch andere Notizen. Für das Ergebnis des Schreibens ist das allerdings eine nicht ungünstige Situation. Beschäftigung mit Tagesfragen Hand in Hand mit öffentlicher Meinung hemmt nämlich den Weg zur echten Erfahrung von Umständen; erst in Etnfernung zum alltäglichen öffentlichen Leben ist es möglich, einen Versuch zu wagen, ein echtes Werk der Literatur zu schaffen.

Anläßlich der Erscheinung meines Buches DURCH SOZIALISMUS ZU GOTT im Jahre 1991*, fragte sich Dr. Vladimir Goati, unser bekannter Soziologe und unabhängiger Konsulent bei der Grundrechtsgestaltung der neubeginnenden Mehrparteienregierungsform, wie es angesichts der vorherrschenden Anschauungen möglich (gewesen) sei, bei vollem Verstand und klarem Blick zu bleiben, und so ein gutes Buch zu schreiben, in welchem die handelnden Personen nicht schwarz-weiß, nicht schlechthin als ehrliche oder unehrliche Intellektuelle, als echte Marxisten oder Schmeichler gezeichnet sind, sondern als leibhaftige Menschen mit ihren Hoffnungen und Leiden, aber auch mit ihren Verhaltensmustern, vor allem aber mit dem Widerspruch im Marxismus selbst. Zum Vergleich hat er das Buch POLITIKALS SCHICKSAL von Dr. Esad Æimiæ angeführt, der seine Karriere als Universitätsprofessor unterbrechen mußte, um endlich an der Fakultät in Belgrad zur Ruhe kommen zu können, wo das erwähnte Buch 1983 auch erschien, allerdings ohne die letzten dreißig Seiten. Dies deshalb, weil er 1975 ein noch treffenderes Buch veröffentlichte, EIN MENSCH AM KREUZWEG. Wegen der darin geäußerten These über die eben durch Parteipraxis reproduzierten Schmeichler wurde er heftig angegriffen. Wie ist das möglich? Dr. Goati selbst hat die folgende Antwort vorgeschlagen: dies sei nur möglich, wenn ein Schriftsteller im Stande ist, ohne die geringste Erbitterung, geschweige denn Haß, auf jegliche Karriere in solch einer Gesellschaft zu verzichten.

Anläßlich der Erscheinung meines nächsten Buches »FÜNFZIG JAHRE ZUM KRIEG Fünf Erzählungen über Sozialismus aus persönlicher Sicht«, hat Dr. Ivan Šop, unser bekannter Literaturkritiker, 1993 geäußert, solch ein authentisches Buch habe nur außer allen Literaturabläufen und begründeten Richtungen, also im wahrsten Sinn des Wortes "urwüchsig", entstehen können. Dies, obwohl es eine historische Epoche behandelt, die ihre Weltgesetzlichkeiten schon auf literarischem Feld durchaus klar zum Vorschein gebracht hat etwa in Polen durch Czeslaw Milosz's GEFANGENE VERNUNFT, durch den Russen Aleksandar Zinovjev mit DER SCHWUNG UNSERER JUGENDZEIT, und unsererseits durch Milan Nešiæ mit FÜNFZIG JAHRE ZUM KRIEG.** (Einen Teil dieser Auslegung hat diskret Radio Belgrad übertragen.)

Aber, wie immer ein gewisser Abstand von täglichen Literaturabläufen das Schreiben begünstigt, so ist doch ein von den Medien nicht ausreichend beachtender Mensch für die Aufgabe, an die ich mich hier gemacht habe, sicher nicht der Geeignetste. Ich fürchte allerdings, ich hätte ohnedies auch als Schriftsteller das handicap — als ein Mensch einer bestimmten Auffassung von Literatur, der Literatur als Lebensart, die von sich selbst aus jede Beschränkung, damit allerdings auch jede Definition zu überschreiten strebt, um zu versuchen mit uneingeschränkter Natürlichkeit Schritt zu halten, mit der ewigen, unfaßbaren und zauberhaften Natur. Warum ist es dann überhaupt nötig, sich in Literatur irgendetwas auszudenken? Genügt es nicht, diese wirkliche Endlosigkeit wenigstens als Ahnung nach dem Instinkt in einem selbst aufzu-fassen und danach etwas einfach auszudrücken? Es fiel mir nicht einmal ein, wissenschaftlich-phantastische Texte zu lesen. Gibt es etwas phantastischeres als Schrödingers Wellengleichung für ein Teilchen; als Heisenbergs ebensolche Relationen, trotzdem Relationen der Unbestimmtheiten, als die Univer-salität der Feldquantentheorie?! So weisen die Romane über den Krieg der Sterne nur Einbildungsarmut auf, nicht nur Naivität! Dann aber bat mich eine Freundin, das Buch DIE SILBERNE TRAUMESHAFT zu lesen, es erschien im vorigen Jahr, eine Sammlung von Hörspielen. Bei dieser Lektüre habe ich den wissenschaftlich-phantastischen Rahmen erkennen können, nicht als betonte Verschlingung, geschweige denn als Sternenkrieg. Da war nur die Methode, den Leser nach und nach zu den echten, ursprünglichen und dadurch ewigen philosophischen Fragen zu bringen. Über das Geheimnis des Uranfangs, zum Beispiel. Aber da haben wir die Bescherung! Weil jedes Drama seine glänzende Pointe hat, manipuliert uns hier jemand? Der Autor des Buches, 56-jähriger Doktor der Jura, Vid Vukasoviæ ist ein neuer Name in unserer Literatur. Sein Debüt setzte er mit dem Drama »Die Mission« 1989 in Radio Zagreb, danach mit »Chronosphäre« 1990 in Radio Belgrad. Er schreibt auch Aphorismen und Haiku-Verse. Heute sind seine Texte schon ins Italienische und Englische übersetzt.

Von »DIE ZEITEN AUS WOLLE« und »DAS MESSER« zu »DAS NARRENHAUS« und »NACKTE INSEL«

Insofern der kommunistische Weltsozialismus überhaupt untergegangen ist (wie ist es mit China und Kuba?), so ist er nicht durch einen Krieg oder Waffenempörung untergegangen, sondern vor allem durch das Gesetz ökonomischer Not. Insofern nicht nur ehemalige Kommunisten und ihre Epigonen heute wieder bei uns die öffentliche Szene beherrschen (oder diejenigen, die von solchen Sozialisten promoviert sind), so liegt dieses Verdienst wieder nicht in einer intellektuellen Empörung, sondern der Widerstand und Zerfall kamen vor allem von den Kommunisten selbst.

Die echten Fragen der Soziologie lauten nicht nur, bist du Schmeichler oder nicht, in der gemeinsamen und einzigen Partei? Und die neuen Themen in der Literatur lauten nicht einfach: ich erzähle dir die Erzählung über nichts, im mehr oder weniger sozialistischen Ästhetizismus***. Das konnte nur jemand machen, der im öffentlichen Leben schon irgendetwas war. Jeder andere wäre ohne Spur und Laut denunziert und verurteilt worden, bevor er die Bücher noch aus der Druckerei überhaupt übernehmen hätte können, denn die Druckereien kassierten nicht nur unter dem Zwang des Gesetzes die Schundsteuer von jedem privaten Besteller im voraus ein, sondern sie stellten jedenfalls das erste Exemplar der Staatsanwaltschaft zu — ohne Spur und Laut also; außer man war zu einer Art halblegalen Kampfes bereit. Das Beispiel Dr. Vojislav Koštunicas und Dr. Kosta Èavoškis derzeit schon bekannte Professoren an der juridischen Fakultät in Belgrad und heute auch Führer zweier oppositioneller Parteien — ist illustraüv. Ob sie einen eigentlichen Vertrag mit dem Verlag hatten, ob mit der Druckerei? Höchstwahrscheinlich haben sie es mit den Menschen dort nur mündlich abgemacht. Jedenfalls wurde der Druck ihres Buches, die politische Monographie PARTEIPLURALISMUS ODER MONISMUS im Juli beendet. Die Druckerei hatte die Bestätigung, das verpflichtete Exemplar der Staatsanwaltschaft zugestellt zu haben, zu einem Zeitpunkt eingeholt, als sich eben der Staatsanwalt auf Urlaub befand. Das war 1983. Damals war nur Pluralismus der Selbstverwaltungsinteressen erlaubt, das bedeutete aber — im Rahmen des Sozialistischen Bundes, also unter dem Patronat vom Bund der Kommunisten. **** Als die Macht reagierte, war ein guter Teil der Auflage bereits von Hand zu Hand weitergereicht worden und vergriffen.

Der Fall Gojko Djogos und seine ZEITEN AUS WOLLE, 1981-1983, war also kein Zufall. Er konnte weder ohne stillschweigende noch ohne eine andere Stütze der Kommunisten erscheinen — im Verlagsrat von "Prosveta", wo diese gleich danach verbotene Gedichtsammlung herausgegeben wurde, saß auch der Dichter Milan Komneniæ, heute sogar Vizepräsident der größten oppositionellen Partei — noch konnte er als einzelner bestehen. Es kam die Zeit — nach dem Tod Titos, 1980 — auch andere neue Themen auf die Tagesordnung zu setzen, nicht nur, wie in dieser Sammlung, den Kult der Kaiserpersönlichkeit (die Allution auf Tito). Kann Sozialismus durch Zwang überhaupt erreicht werden? Oder gar durch Übeltat? Waren die Partisanen, die zuerst nur kommunistischen Guerillakämpfer im Zweiten Weltkrieg, eben soviel positiv, die Tschetniks Königsguerilla, Halbguerilla — mit Draža Mihailoviæ an der Spitze — dagegen immer und alle negativ?

Teil II

Darf man nicht über serbische (Zivil-)Opfer von Ustaschas im Zweiten Weltkrieg oder zum Beispiel vom muselmanischen Messer reden?

Gegen Ende 1982 veröffentlichte Vuk Draškoviæ seinen Roman DAS MESSER und wurde vom Bund der Kommunisten sofort ausgeschlossen. Über Nacht wurde er arbeitslos. (Heute ist er Führer der größten oppositionellen Partei). Dasselbe Jahr wurde auch DER AUGENBLICK 2 Antonije Isakoviæs veröffentlicht. Als Rentner (pensioniert wegen der Mitarbeit bei der kritischen Zeitschrift PRAXIS) und ehemaliger Erstkämpfer, jetzt aber längst Akademiker, schien er nicht zu viel riskiert zu haben — so wurde die Kehrseite des Jahres 1948 (Titos Widerstand gegen Stalin) zum erstenmal als Literatur-thema gebracht. Am Leben Gebliebene von Nackter Insel (Goli Otok) erzählen zwar über Tücken und Grausamkeiten, sie wissen aber nicht einmal in der Nacherzählung, warum der sonst unvermeidbare historische Marsch zum Weltkommunismus so eine brutale Wendung nehmen mußte. Das selbe Jahr schien Slobodan Seleniæ mit dem Roman über dasselbe Thema, DER ZAHL-KOPF, einen weiteren Schritt gemacht zu haben: Fanatismus ist von sich aus eine zerstörende Kraft, einerlei wie und wo, hier Zahl, da Kopf — jeder Ausbau benötigt ein Verständnis des anderen und ein Einverständnis mit der Realität. Im Buch GREIFE DIE STERNSCHNUPPE, 1983, hat Dragoslav Mihailoviæ eine besonders gute Erzählung geschrieben: DER DRITTE FRÜHLING SVETA PETRONIJEVIÆS — der Dritte Frühling seit der Befreiung, und doch der "zwingende Abkauf", nebenbei das Erzwingen eines Liebesverhältnisses mit einer fremden Frau. Die Erzählung ANLAGE ZUR BIOGRAPHIE in der Sammlung DER KAISERSCHNITT, 1984, hat Vidosav Stevanoviæ ohne Übertreibung der schwarzen Woge und ohne Umschweife des sozialistischen Ästhetizismus geschrieben, das heißt er hat sich wirklich künstlerisch mit der kommunistischen Idee (von Revolution und Geschehnissen) befaßt, und dies ist nur ein Zeichen dafür, daß man immer noch lebend und bedeutend ist, wenn auch als Zwangsrentner. Möchte der einstige Parteifunktionär lieber ein Opfer sein, lieber sogar im Kerker, als so vergessen und allein?! Und das ist ja die echte Spur zum Verständnis der Psychologie eines Kommunisten. Zum Beispiel jenes echten Kommunisten aus dem Jahr 1939, der wegen des abstrakten Glaubens am Gemeinsinn und wegen des konkreten Gehorsams dann und wann leider des Unsinns wegen auch konkret leidet und desto grausamer bestraft. Die Rede ist vom Roman DER SÜNDER Dobrica Cosiæs, 1985. Obwohl es gar nichts, weder über Tito noch über die Geschehnisse nach 1939 darin gibt, ist dieser Roman eine glänzende Analyse zum Jahr 1948. Es bestand nämlich schon unter kommunistischen Vorkriegssträflingen der Boykott: Nicht Kerkersgewalt! Die Parteigenossen scheiden dich organisiert in die Einzelhaft aus — bis du deine Stellung revidierst. Aber — ist all das denn nicht nur die Sache der Kommunisten?! Miroslav Kostiæs Roman DAS NARRENHAUS, 1990, scheint das eben sagen zu wollen. Einst ein Partisan Titos und Militärzögling, dann Oberstleutnant und Universitätsprofessor, klagt wegen des Mißbrauchs in Heer und Gesellschaft endlich auch Tito selbst an — und wird für wahnsinnig erklärt. Doch weiter an den Sozialismus glaubend, verliert er seine Gefaßtheit und seinen heiteren Geist auch im Kerkersspital nicht. Und eben dann, wenn alle Sympathie (und Bewunderung) des Lesers auf seiner Seite ist — man soll ja an etwas glauben — scheint er wirklich irrsinnig zu sein. Endlich aus dem Gefängnis als geheilt entlassen, gab er aller Welt bekannt, er hätte die Quadratur des Kreises erfunden. Nun gerade der Sozialismus ist eine Manie der Führerschaft und der Größe, wenn nicht der bloße Kampf um die Herrschaft, was anderes mag der Leser meinen: "Jedenfalls betrifft das mich nicht... Oder doch?" Im Vorwort seines Buches NACKTE INSEL, 1990 — drei Gespräche der (drei) ehemaligen Nackt-Insulaner direkt vom Tonband übertragen — schreibt Dragoslav Mihailoviæ — als 21-jähriger Junge auch auf der Insel wegen des Verbaldeliktes — ausdrücklich: diese Übeltat betrifft uns alle, schließlich und endlich nicht nur unsere Historiographie, sondern überhaupt die ganze Zivilisation. (DIE WANZENJAGD, 1993, sind Erzählungen über dasselbe Thema.) Daß diese sado-masochistischen Abrechnungen, was sonst, zwischen den Kommunisten selbst (in über 75% der Fälle) oder auch der jetzige (ewige) Kampf um die Herrschaft (und Dominierung im öffentlichen Leben) uns alle betreffen — wenn wir als Gesellschaft endlich gesund werden und uns nicht nach der Nationalfrage jetzt teilen und hassen sollen — zeigt meines Erachtens auch meine Erzählung DER DICHTER UND SEINE FRAU, aus der gleichnamigen Sammlung aus dem Jahre 1994. Nicht nur die einstigen Frauen der Nackt-lnsulaner haben ihre Männer verleugnet, sondern es war zum Beispiel 1981 eine Frau dazu bereit, wegen der allgemeinen Atmosphäre in der Presse, im Fernsehen, im Schulwesen sowie in den Unternehmen, ihren Mann — weil er vorhatte, seine Schrift veröffentlichen zu lassen — zu verleugnen, um ihren eigenen Arbeitsplatz zu bewahren. Sie, die niemals zur Partei gehörte, wollte sich also einem etwaigem Boykott anschließen, und zwar gegen den Ehemann und den Menschen, der ebenso wenig zur Partei gehört, noch jemals vorhatte, sich mit Politik zu befassen. Eine Art und Weise, wie sie leider noch immer besteht, wenn es sich um Nicht-Gleichgesinnte handelt. Oder einfach um diejenigen, die uns nicht betreffen:

Aber das mit dem "Nicht-Betroffensein" ist eine ziemlich riskante Sache, man kann nämlich nie wissen, welche Richtung das einschlagen wird, wie ein Bumerang, und wenn es uns unterwegs doch treffen würde.

Ich schreibe Ihnen dies, Herr Detela, zum Beispiel neben der Kerze. Halb Belgrad hat keinen Strom. Am Tisch, beim Radiator, sitze ich im Wintermantel, denn es gibt auch keine Heizung.

WORAN GLAUBEN?

Wenn man an den dialektischen Materialismus als Philosophie glaubt — und er wurde populär genug ausgelegt und tüchtig propagiert — so ist es schwer, dem nicht zuzustimmen, daß Materie, sich ewig in Bewegung und im ewigen Umbilden befindend, wirklich unerschaffbar und unvernichtbar ist. Wenn man also daran glaubt, wie an die letzte Wahrheit, dann verliert man alles Interesse für Philosophie. Dabei ist das Übermächtigkeitsgefühl über Hegel und alle Philosophen der Vergangenheit recht behaglich!

Wenn man nun an historischen Materialismus glaubt — und wer glaubte denn nicht an offensichtlichen Klassenkampf, an Königsmacht und Pracht, einerseits, und an namenlose Not der Untertanen anderseits; wer wünschte denn nicht, es gäbe fortan keine Kriege verschiedener Imperatoren und Diktatoren, und wäre nicht glücklich, endlich in einer klassenlosen Gesellschaft zu leben? — Wenn man also an eine solche Darlegung der Historie glaubt, an eine Darlegung, die neben den vielen Wahrheiten über die Vergangenheit geschickt auch einige Irrtümer über die Gegenwart oder erst bloße Vermutungen über die Zukunft einschreibt, dann verliert man auch das eigentliche Interesse für die Historie. Denn wozu sollten denn diese Gewalttaten, Dummheiten und Primitivitäten uns betreffen, wenn wir jetzt auf einer höheren Stufe stehen!

Erst, wenn man die Materie als die alles erklärende, objektive Realität anzweifelt — es ist immer die Frage, wie objektiv sie im Verhältnis zu welchem Subjekt steht, d. h. wäre Materie eben das, und nur das, wie ein Mensch sie sieht und durch Experiment begreift, warum hätte Berkeley denn dann nicht recht, wenn er sagt: "Gibt es einmal keinen Menschen, muß es Gott geben" (um durch Sehen und Denken die Materie zu schaffen). Erst wenn man, also, den dialektischen Materialismus anzweifelt, erst dann ist ein echtes Interesse für Philosophie möglich. Das ist ja entzückend: etwas ist unerschaffbar, unvernichtbar, unendlich und in ewiger Bewegung — aber was? Wie und warum? *****

Erst wenn man begreift, daß sich die Historie wiederholt, ist der Menschenwunsch ewig, wenigstens die bloße Hoffnung und den Glauben zu erringen, erst dann beginnt auch ein Interesse für Historie (und damit erst das Interesse für die Gegenwart).

Öffentlich aber wurde es erst nach dem Tode Titos möglich, einen dieser zwei Grundsteine der kommunistischen Ideologie zu bezweifeln!

Teil III  (Übersetzt und etwas gekürzt von Herrn Lev Detela)

Und was sonst? Interessant ist das Beispiel mit meinem ESSAY ÜBER GOTT, in dem ich drei philosophische Thesen vorführte, an die ich glaube wie an Gott: die absolute Kausalität, die sich gerade deswegen in die Relativität umwandelt, darum die Zufälligkeit und die Vergänglichkeit der sämtlichen Phänomene und von uns allen; die allgegenwärtige Symmetrie, die einzige Erscheinung mit dem Grund in sich selbst; und schließlich: Ich und mein Gaul! Diesen ESSAY wollte kein serbischer Verlag veröffentlichen. Darum gab ich ihn 1975 im Selbstverlag (250 Exemplare) heraus. Nur die Bibliothek der Republik nahm gnädig zwei geschenkte Exemplare zur Katalogisierung und Aufbewahrung, die Buchhandlungen verweigerten den Verkauf.

Der Gott ist immer das geheimnisvolle andere und ganze mit uns zusammen in der Sonne, in der Wolke, im Wind. Doch viele bewerteten diese meine Arbeit als antireligiös.

Aber besteht auf anderer Seite auch ein Interesse für die Geschichte? Schon im Jahre 1981 veröffentlichte Svetlana Velmar-Jankoviæ eine Sammlung der essayistischen Erzählungen unter dem Titel DORÆOL. Dies ist das türkische Wort für die Straßenkreuzung — es ist der Name des ältesten Stadtteils von Belgrad. Die Autorin schildert die Geschichte unserer Hauptstadt in vierzehn herrlichen Erzählungen, die im Titel die Namen der vierzehn alten Belgrader Straßen tragen, über die ich immer wieder zu wenig oder nichts wußte.

Der bekannte Schriftsteller Dragoslav Mihailoviæ veröffentlichte im Jahre 1983 den Roman ÈIZMAŠI (Die Stiefelträger) über einen gewöhnlichen serbischen Soldaten und einen serbischen Offizier im Königreich Jugoslawien und zeigte sie so, wie sie waren und sind. Zu erwähnen sind auch zwei Romane über den historischen Umbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. 1985 erschien der Roman OÈEVI I OCI (Geväter und Väter) von Slobodan Seleniæ. Es ist sinnlos einer Ideologie nachzulaufen, die aus der Illegalität umherwühlt, obwohl sie sich militärisch organisiert. Der siebzehnjährige Sohn geht freiwillig an die Front und stirbt, ohne dem Vater wegen eines Streites das Lebewohl zu sagen. Schon der Titel des Romans aus dem Jahre 1990 von Svetlana Velmar-Jankoviæ ist symbolisch: LAGUM. Nachdem die Kommunisten die Macht ergriffen haben, ist alles "Lagum", nämlich ein dunkler unterirdischer Gang ohne Licht, so daß dem Menschen nur die Hoffnung bleibt, daß dieser Gang einmal und irgendwie enden wird.

Im Jahre 1987 veröffentlichte Aleksandar Tišma das Buch HILJADUI DRUGA NOÆ (Tausendundzweite Nacht). Es handelt sich wahrscheinlich um zwei serbische Zigeuner, die in Prag ein Hotelzimmer suchen, doch sie finden es nicht. Sie ziehen erfolglos von Hotel zu Hotel, gemütlich plaudernd tief in die Nacht, als ob diese Suche vielleicht noch 1002 Nächte dauern werde. In einer der Geschichten fragt sich Tišma, ob es überhaupt einen Sinn hat zu schreiben? Wozu auch? Anstatt die Geschichte eines überfahrenen Hundes zu erzählen, hinterläßt er uns die Geschichte — über die Frage mit der Frage. Aber auch der Roman HLEB I STRAH (Das Brot und die Angst) von Milisav Saviæ aus dem Jahre 1991 stellt uns vor ähnliche Fragen. Ein existentielles, sehr gutes Werk — garniert mit der Ironisierung der grotesken Allüren von Tito. Der Persönlichkeitskult um ihn wird an den Pranger gestellt, obwohl jetzt eigentlich notwendig wäre, eine neue serbische "Persönlichkeit" zu kritisieren.

Die kommunistischen Machthaber — nicht nur in Belgrad oder Agram, sondern überall — haben sich sehr schnell erholt: sie glauben an ihre unendliche Ewigkeit. Immer und ewig. Sie gaben die neue Parole aus: Man muß an die eigene Geschichte glauben, man muß an die eigene Nation glauben, und wenn notwendig erscheint man sogar zusammen mit dem lieben Gott. Aber nur mit unserem Gott, nur mit diesem unserem einzigen Gott, mit dem wir immer und ewig schalten und walten. Was gehen uns die anderen an! Die Hauptsache ist die Macht!

Aber die gestrigen Kommunisten, die sich heute Sozialisten nennen, konnten nicht so, eins, zwei, drei, nach jahrzehntelanger Verfolgung der Kirche, mit ihr den Frieden schließen. Das geschah am Anfang vor allem in den Medien, im Fernsehen, zuerst ohne oder gegen ihren Willen. Doch jetzt sind sie da. Die orthodoxen Popen verschiedener Provenienz, gebildet oder ungebildet. Und die Professoren. Eine (nicht-kommunistische) Wissenschaftlerin von der Pariser Sorbonne, Dr. Olga Lukoviæ-Pjanoviæ, veröffentlichte im Jahre 1990 das Buch SRBI – NAROD NAJSTARIJI (Die Serben, die älteste Nation der Welt), doch die Schlußfolgerungen der Wissenschaftlerin sind auch für den Laien lächerlich: sie verwirft die These über den indogermanischen Ursprung der heutigen Sprachen und behauptet mit allem Ernst, daß die heutigen Sprachen von der (ur)serbischen Sprache abstammen!

Heute kann man alles veröffentlichen, wenn man nur bereit ist, den Druck des Werkes selbst zu bezahlen. Auch die großen, im Grunde noch immer staatlichen Verlage haben selbst — mit kleinen Ausnahmen — nicht genug Geld. Sogar der bekannte Autor Milorad Paviæ, dem der große Belgrader Verlag Prosveta vor kurzem den neuen Roman POSLEDNJA LJUB AV U CARIGRADU (Die letzte Liebe in Konstantinopel) veröffentlichte, meinte in einem Fernsehgespräch, daß es nicht notwendig ist, seinen neuen Roman zu lesen. Man kann ihn nur deswegen kaufen, um das beigelegte Kartenspiel TAROT zu erwerben, für Paviæ übrigens das uralte ehrwürdige byzantinische Spiel.

Um die alten Verlage sammeln sich die Schriftsteller des ehemaligen Regimes — die immer gleichen Leute mit den gleichen Themen. Die Bücher werden auf verschiedene Arten finanziert: durch die sozialistischen Industrieunternehmen und ihre Banken, oder wie man eben kann. Vid Vukasoviæ finanzierte sich sein neues Buch selbst. Dragan Simoviæ subventionierten die Herausgabe die Parapsychologen, Astrologen und verschiedene "Seher", darum bekamen sie im Buch ihre Seiten, um ihre parapsychologischen Erfahrungen einem ,,breiteren Publikum" zu präsentieren. Den neuesten Roman von Vuk Draškoviæ finanzierte das politische Organ seiner Partei "Srpska reè". Er erschien unter dem Titel NOÆ ÐENERALA (Die Nacht des Generals) und beschreibt die letzte Nacht des Generals Draža Mihailoviæ im Jahre 1946 — vor seiner Hinrichtung durch die kommunistischen Machthaber. Meine Bücher sponsert ein im Ausland lebender Gönner - ein Kroate!

Doch die Medien berücksichtigen im allgemeinen nur die Arbeit der schon bekannten, der immerwährenden Autoren. Und es wäre möglich, daß die jetzigen serbischen Machthaber auch den wenigen noch freien Medien demnächst die weitere Arbeit verunmöglichen. Doch, es soll sich zeigen, wie es weiter geht!

Sehr geehrter Herr Detela!

Ich bin mit diesem Schluß zufrieden.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Milan Nešiæ

Belgrad, am 11. Jänner 1995.


* Als es zum erstenmal möglich wurde, wurden endlich alle meine Schriften, wegen des billigeren Drucks, in einem Band veröftentlicht. Nämlich ein Roman, ein Essay, sowie Zeugenaussagen und ein Traktat: DIE ERSTEN TAGE (1974), ESSAY ÜBER GOTT (1976), POLITIK, BROT UND BUCH (1982), PHILOSOPHIE UND GLAUBEN (1984).

** Zu dieser Zeit kannte weder Dr. Šop mein Buch POLITIK, BROT UND BUCH, noch habe ich irgendetwas von den erwähnten Autoren gelesen. Es wäre vielleicht passend, nachträglich zu präzisieren: Die VERNUNFT ist der POLITIK ähnlicher. Da wird, unter anderem, etwas vom öffentlichen Schicksal eines Professors der Literatur, eines Literaturtheoretikers, eines Philosophen und eines Schriftstellers analysiert — zufällig wieder vier Fälle, wie α, β, γ und δ bei Milosz.

*** Sogar die sog. schwarze Woge könnte nach und nach in solch einer Art Ästhetizismus untergebracht werden: nach bloßem Wunsch den Leser zu frappieren, ist es jedem endlich klar, daß dies kein Bild der Realität ist, geschweige denn ein Bild von der Kritik. Andererseits wurde sie eben als solch eine zum Mittel der Manipulation der Macht selbst: sieh da die große Freiheit bei uns, was wird da alles veröffentlicht! Vidosav Stevanoviæs Roman, DER LIEBESKREIS, 1988, zum Beispiel wimmelt von Pornographie, was aber die Koketterie mit politischen Themen betrifft, da bleibt er unklar und oft nicht überzeugend. Interessanter ist doch der Fall Miroslav Josiæ-Visnjiæs, eines heute zwar nicht viel veröffentlichten, aber auch lobgepriesenen Schriftstellers, dessen Literatur sogar kein Bild ist, sondern eine konfuse und verzogene Nacherzählung irgendwelcher Bilder. (Trotz klarer und abgewogenen Sätze). Sein Aufstieg begann 1976, als seine Erzählung EIN DACH ÜBER DEM KOPF vorläufig verboten wurde, über einen herumstreunenden Mittellosen, der seine Buden da und dort an der Belgrader Peripherie baut, während die Behörde sie immer erneut niederreißt. Bei Gericht hat Josiæ-Višnjiæ die Freiheit seiner Schaffenslust schützen und erhalten können. Faßt man ins Auge, daß die bedeutendste Tageszeitung "Politika" die Erzählung veröffentlicht hat — die (siehe das Paradox!) beim Handel nicht beteiligte — da bleibt der untrügliche Eindruck: den Sieg, d. h. den Beweis der Freiheit der Schaffenslust benötigte die Macht selbst — es waren die Zeiten der Hetze und endgültigen Verbotes der Zeitschrift "Praxis" (von Zagreb), als eine Gruppe um sie versammelter Professoren (von Belgrad) von der Fakultät aus beseitigt wurde.

**** Sogar die erste wirklich oppositionelle Partei, Jugoslawischer Bund, wurde im Rahmen des Sozialistischen Bundes registriert, erst 1989 und zwar — in Ljubljana. Sie hatte einige Hunderte Mitglieder, in Serbien einige Dutzend. Obwohl ich bis heute nicht weiß, wer diesen Partei-Versuch bewilligte, und ob er etwas dadurch ausprobierte, war ich mit Vergnügen einer der drei Unterschreiber ihres Programms im Namen der Nebenlinie in Serbien. Das Ziel: Mehrparteiregierungsform und freie Ökonomie. Das Mittel: Gesamtwahlen der Proponenten.

***** Gerade mit diesen Fragen endet meine mit dem ESSAY ÜBER GOTT eingeleitete Erzählung DER TOD GROSSVATER JOVAS.

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